Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin

Die Geschichte hinter dem berühmten Graffiti

Anleser: Das Graffiti „Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin“ gehört zur Friedensbewegung wie die weiße Taube auf blauem Grund. Der Hamburger Designer Johannes Hartmann machte die pazifistische Parole 1981 bekannt – und wurde vom Riesenecho völlig überrascht.
das Graffiti an einem Bunker
© Johannes Hartmann

Jetzt nur keinen Fehler machen! Die Dose mit weißer Farbe in der Hand, der schwarze Bunker auf dem Heiligengeistfeld vor mir – ich war aufgeregt und wollte mich nicht erwischen lassen, wie ich auf den Weltkriegsbeton sprühte: „Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin.“

Es war Anfang 1981, den Spruch brauchte ich als Foto auf einer Mauer für einen Plakatentwurf. Das Graffiti musste auf Anhieb gelingen. Diese Parole auf dem gigantischen Hamburger Bunker: geballte Symbolik! Was konnte eine Friedensbotschaft besser unterstreichen als eine massive Mauer, die knapp 40 Jahre zuvor den Bomben getrotzt hatte?

Die Wandschrift sollte authentisch rüberkommen. Wie ein Original- Graffiti eines Friedensaktivisten. Und in der Hast bloß keine groben Schreibfehler! An einer Kirchenmauer hatte ich mal gelesen: „GOTT verhindert den Atontod nicht sondern WIR.“ Meine Güte, „Atontod“ – wer soll jemanden ernst nehmen, der nicht „Atomtod“ schreiben kann? Oder an anderer Stelle: „WEG MIT MAC DONELDS.“ Zu blöd.

Ich steckte mitten im Kommunikationsdesignstudium und war Gründungsmitglied der Grafiker- und Künstlerinitiative WERKHAUS. Wir veröffentlichten in den Siebzigerjahren Anti-Atomkraft-Plakate, hatten in der Zeit des „Deutschen Herbstes“ Ausstellungen verbotener politischer Plakate organisiert, einen Anti-Strauß-Workshop veranstaltet und 1978 Wahlkampfplakate für die „Bunte Liste – Wehrt Euch!“ gestaltet, den Vorläufer der Grünen.

Das verschollene Graffiti

Für das Volksfest am 1. Mai 1981 war ich zum ersten Mal für ein großes Plakat allein verantwortlich. Ich musste es mit niemandem diskutieren und konnte meinen Namen darunter setzen. „Legal, illegal, scheißegal!“, schrie es damals vielfach von den Wänden. Wir skandierten das anarchistische Wortspiel auf Demos; man musste kein Steinewerfer sein, um darüber zu grinsen.

Meine Idee war, das Graffiti als Grafik zu verwenden: „Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin.“ Auf Atelierwänden hatte ich mit Sprühschriften herumexperimentiert, ebenso draußen auf der Straße an einigen ruhigen, nicht so öffentlichen Stellen. Sicher fühlte ich mich nicht dabei. Das „Dir“ und das „Keiner“ hob ich durch Großschreibung hervor, so wirkte es authentischer. Die Textzeile fand ich gut, weil sie mit dem gängigen linken Parolenschema brach: nicht anti-dies, anti-das, anti-irgendwas. Oder zum Gähnen à la „Heraus zum Volksfest am 1. Mai!“.

Kurz vorher, im Februar 1981, hatte es die große Brokdorf-Demo gegeben. Der Schock und das Ohnmachtsgefühl wirkten nach. Es war wie ein Bürgerkrieg, mit vielen Verletzten. Kriege in der Dritten Welt, die Aufrüstung der Weltmächte, der Nato-Doppelbeschluss, die Furcht vor dem dritten Weltkrieg – das Kriegsthema war allgegenwärtig.

28.02.1981, Brokdorf: Seit November 1976 hatte es mehrere Proteste gegen das Atomkraftwerk Brokdorf gegeben. Als Reaktion darauf war das Kraftwerksgelände zur Festung ausgebaut worden.

Den „Stell dir vor ...“-Spruch hatte ich zwei, drei Jahre zuvor an einer Wand irgendwo im Stadtteil Ottensen gesehen. Der Satz hatte mich elektrisiert und kam mir immer wieder in den Sinn. Die genaue Formulierung erinnerte ich jedoch nicht mehr. Deshalb wollte ich das Original fotografieren, suchte die Straßen ab. Vergeblich. Es war wohl übermalt worden.

Auge in Auge mit den Polizeiketten zeigten Demonstranten ihre Friedfertigkeit.

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Das gefälschte Grafitti

Also ahmte ich das Wandgraffiti nach und entschied mich für die bekannt gewordene Formulierung. Sie schürte nicht in erster Linie die Angst vor dem Krieg, sondern bot eine positive Vision: nicht mitzumachen, sich zu verweigern. Und sie wirkte rätselhaft-irritierend. Man blieb beim Lesen daran hängen. Bei der Sprühaktion am Heiligengeistbunker wurde ich nicht ertappt, war mit dem Ergebnis aber unzufrieden. Das Weiß auf dem dunklen Untergrund leuchtete nicht genug. Ich übersprühte die Buchstaben einzweites Mal, um sie aufzuhellen. Doch so entstand ein störender Sprühnebel. Enttäuscht verzichtete ich daher auf ein echtes Graffiti, zeichnete im Atelier die Mauer mit Buntstift und pinselte die Parole mit Tipp-Ex darüber. Das so gefälschte Graffiti – es hängt noch heute gerahmt an meiner Wand – lieferte ich als Plakatentwurf ab.

Die Bürgerinitiativen, die das Fest organisierten, nahmen ihn sofort an. Das von vielen Bürgerinitiativen initiierte sog. »Volksfest« in den Messehallen, zu dem das Plakat mobilisiert hatte, war nach meiner Erinnerung mit ca. 20.000 Besuchern ein großer Erfolg. Der Spruch war Anlass vieler Diskussionen und wurde in Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen als illustrierender »Aufhänger« zu den Themen, die die Friedensbewegung angestoßen hatte, verwendet. Wohl selten zuvor war in Hamburg eine Druckauflage so schnell auf Wänden und Telefonkästen verklebt worden. Und dann die 1.-Mai-Demo: Ich war verblüfft, als sich so viele Demonstranten für das „wohl geilste Plakat der letzten Jahre“ begeisterten. Die Mauergrafik wurde auf Spruchbänder und Jacken geheftet oder zu eigenen Plakaten verbastelt. Sie begann, ihr Eigenleben zu führen.

Das von vielen Bürgerinitiativen initiierte sog. »Volksfest« in den Messehallen, zu dem das Plakat mobilisiert hatte, war nach meiner Erinnerung mit ca. 20.000 Besuchern ein großer Erfolg. Der Spruch war Anlass vieler Diskussionen und wurde in Zeitungsartikeln und Fernsehsendungen als illustrierender »Aufhänger« zu den Themen, die die Friedensbewegung angestoßen hatte, verwende.

Mit dem Spruch Geld verdienen ... heikle Sache

Ein Bekannter schlug mir vor, die Grafik als Plakat und Postkarte nachzudrucken und einige Wochen später beim Evangelischen Kirchentag zu verkaufen. Er würde das Ganze vorfinanzieren. Auf die Idee, damit Geld zu verdienen, war ich selbst nicht gekommen. Und auch unsicher, ob es moralisch okay wäre, Geld zu verdienen mit einem Plakat, das ich für die Bewegung gemacht hatte.

Ich fragte in der Szene herum und stimmte dem Vertrieb schließlich zu. Als die Einnahmen mir ein gutes halbes Jahr die Miete sicherten und für einen vollen WG-Kühlschrank sorgten, war ich baff. Vermutlich waren da andere, die das Motiv als Plagiat oder Abwandlung nachdruckten, geschäftstüchtiger als ich.

Beim Volksfest am Abend des 1. Mai drängten sich über 20.000 Menschen auf dem Messegelände. Zum Kirchentag im Juni ging ich nicht, hörte aber, dass die Grafik den Verkäufern aus den Händen gerissen wurde. Das Kirchentagsmotto lautete: „Fürchte dich nicht.” Das passte gut. Und „Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin“ wurde nun über die Grenzen Hamburgs hinaus bekannt.

Später habe ich mich gefragt, was genau diesen Erfolg ausmachte. Sicher, der pazifistische Gedanke war ein gemeinsamer Nenner der Gegenwehr gegen die scheinbare Zwangsläufigkeit der Rüstungsspirale. Eine verträumte Utopie, die entfernt an John Lennons Song „Imagine“ erinnerte und ein Gefühl der Hoffnung vermittelte.

„Stell Dir vor, es ist Krieg, und Keiner geht hin.” war in sehr kurzer Zeit sehr berühmt geworden. Der Verkauf ging weiter, und es gab nicht wenige, die versuchten, aus dem Spruch eigenes Kapital zu schlagen. Neben zahlreichen Kopien und Varianten des Spruchs wurde auch die Mauer grafisch übernommen (z. B. »Krieg dem Krieg!«).

Und wer hat’s erfunden? Brecht war es nicht

In meiner Umgebung gab es auch Kritiker, denen gerade das unheimlich war, was man heute wohl als viralen Effekt bezeichnen würde. Und sie störten sich am Wortsinn des Textes. An meinem Fachbereich argumentierten mehrfach DKP-nahe Kommilitonen, der Spruch sei eigentlich reaktionär: Wenn Krieg sei, müsse man doch das Gewehr in die Hand nehmen und gegen das Großkapital kämpfen. Statt im Volk die Illusion zu verbreiten, man könne sich einem Krieg entziehen.

Die Schriftsteller Norbert Ney und Svende Merian, denen ich nach einer Demo begegnete, meinten zudem, die Parole sei geklaut, obendrein aus dem Zusammenhang gerissen und falsch zitiert. Denn im Original von Bertolt Brecht laute sie: „Stell dir vor, es kommt Krieg und keiner geht hin – dann kommt der Krieg zu euch.” Ob ich den Spruch nicht neu in der korrekten Brecht-Version herausgeben wolle?

Beim Gedanken, ich könnte mich unrechtmäßig an etwas vergriffen haben, war mir mulmig. Was ich da noch nicht wusste: Brecht war keineswegs der Urheber – ihm hatte man den Spruch nur angedichtet. Bei der Quellenforschung fand die Gesellschaft für Deutsche Sprache dann heraus, dass die Idee sich bis zum amerikanischen Dichter Carl Sandburg (1878–1967) zurückverfolgen lässt; in seinem Buch „The People, Yes” wird sie einem kleinen namenlosen Mädchen zugeschrieben.

So oder so, der Spruch war nun in der Welt und verbreitete sich munter weiter. Meine Sprühschrift am Heiligengeist-Bunker leistete ihren Beitrag: Über einen Pressefotografen fand sie den Weg in Zeitungsredaktionen und Fernsehstudios. Der Regen hatte den Sprühnebel um die Buchstaben weggewaschen. Am Ende sah diese eigentlich missratene Version doch noch ganz passabel aus – wie ein echtes Graffiti eines Friedensaktivisten.

© Johannes Hartmann

Johannes Hartmann, Hamburg; www.johanneshartmann.de

Zum Autor

Johannes Hartmann würde sich selbst „kreativer Generalist” nennen. Er arbeitet heute in Hamburg als Web-Allrounder, Berater, Kommunikationsdesigner, Kreativkopf und Künstler.