Samenkörner des Wandels

Im Libanon ist die Krise längst Dauerzustand. Warum Friedensarbeit gerade jetzt wichtig ist.

Die Menschen im Libanon durchleben eine schwere Wirtschaftskrise. Die Armut hat sich durch Corona und die Explosion am Hafen nochmals verstärkt. Hinzu kommt, dass Kriege in anderen Ländern auch im Libanon zu spüren sind: durch die Unterbringung von Geflüchteten aus dem benachbarten Syrien oder indirekt durch global gestiegene Preise aufgrund des Kriegs in der Ukraine und jüngst durch den Krieg zwischen Israel und der Hamas. Die Dauerkrise birgt gesellschaftlichen Sprengstoff. Wo kann Friedensarbeit hier ansetzen?
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© Julia Neumann

Samira Ezzo steht vor einem Schaufenster mit goldenen Armreifen und diamantbesetzten Ringen. „Wenn wir Gold kaufen, achten wir darauf, dass keine edlen Steine drin sind, also reines Gold“, erzählt sie. „So bringt es genügend Geld ein, wenn es gewogen wird. Normalerweise sparen wir mit Gold und verkaufen es, wenn wir knapp bei Kasse sind. Gold ist stabiler als unsere Währung.“ Barbir, die Einkaufsstraße in Ezzos Nachbarschaft im südlichen Beirut, ist bekannt für Goldschmuckläden und Kaffeeröstereien. Es riecht nach gemahlenen Kaffeebohnen, auf einem schiebbaren Holzstand verkauft ein Obsthändler Sternfrüchte, Mangos und Papayas. Doch mit der Wirtschaftskrise können sich die meisten Libanes*innen solch importierte Waren nicht mehr leisten. Sie sind quasi zu Luxus geworden.

Der Libanon steckt in einer tiefen Wirtschaftskrise. 2019 brach das Finanzsystem zusammen, der Staat ist pleite. Viele Libanes*innen haben ihre Ersparnisse verloren, die Banken geben Geld nur begrenzt und zu einem sehr schlechten Wechselkurs aus. Die Inflationsrate lag im Jahr 2022 bei durchschnittlich 171,2 Prozent und war laut Weltbank eine der höchsten weltweit – was vor allem am Preisanstieg bei Lebensmitteln liegt. Die Wirtschaftskrise hat viele existierende Konflikte verschärft. Es gibt ein politisches Vakuum, eine hohe Auswanderungsquote und zunehmende Aggression gegen Schutzsuchende im Land, die als Sündenböcke der Politiker*innen herhalten müssen.

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Diskriminierung und Gewalt gegen Syrer*innen haben durch die Krise stark zugenommen. Während der Pandemie haben sich die Fälle von geschlechtsspezifischer Gewalt vervielfacht, und zurzeit mehren sich Hassreden und Attacken von fundamentalistischen Christen sowie Politikern gegen die LGBTQ-Gemeinschaft. 2021 gab es Zusammenstöße zwischen Christ*innen und Muslim*innen auf einem zentralen Platz in Beirut und dieses Jahr Schießereien zwischen verschiedenen fundamentalistischen Gruppen im Palästinensercamp in Sidon.

Diese Ereignisse deuten darauf hin, dass die Finanzkrise und die Verzweiflung sogar alte Konflikte zwischen traditionell verfeindeten Sekten aus dem Bürgerkrieg wiederbeleben – oder die alte Elite solche Zusammenstöße nutzt, um die Angst voreinander aufrechtzuerhalten. Von dieser Angst vor dem vermeintlich Anderen profitierte das klientelistische System. Der finanzielle Zusammenbruch und die Verzweiflung der Menschen sind eine gefährliche Mischung für potenzielle Gewalt im Land.

Die Preise für Lebensmittel sind im Libanon drastisch gestiegen.

Ein Blick zurück: Zwischen 1975 und 1990 bekämpften sich im Libanon Milizen in verschiedenen Konstellationen. Nach dem Ende des Krieges bauten die Milizenführer eigene Parteien anhand konfessioneller Linien auf und teilten die Macht über ein Proporzsystem auf. Sie schröpften Geld aus der Staatskasse ab und verteilten es an ihre Klientel. Durch die Korruption ging der Staat pleite. Die Last tragen die Bürger*innen: Die Banken geben ihre Anlagen nur begrenzt aus, maximal 400 US-Dollar dürfen die Menschen pro Monat abheben.

In die Schmuckläden von Barbir kommen vor allem Paare vor der Hochzeit, erzählt Samira Ezzo, während sie durch ihre Nachbarschaft führt. Die 26-Jährige arbeitet als Tourführerin. Kaum jemand, sagt sie, könne es sich in der Krise noch leisten, Hochzeitsschmuck zu kaufen und damit den gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen. Sie selbst habe sich zu ihrer Hochzeit nur einen Ring ausgesucht, nicht ein ganzes Set, wie sonst üblich. „Zu Beginn der Krise wurde sogar in manchen Moscheen beim Freitagsgebet gepredigt, es für Männer in der muslimischen Gemeinschaft erschwinglicher zu machen, zu heiraten.“

Ein Burger für 700.000 Lira

18 Religionsgemeinschaften leben im Libanon, doch den ökonomischen Druck spüren alle. Je länger die Krise anhält, desto normaler wird sie, sagt Ezzo. Damit steigt auch der Druck, in dieser Normalität von einem Einkommen in US-Dollar zu leben. „Die neue Normalität ist, dass die Preise wieder dorthin zurückkehren, wo sie einmal waren. Ein Burger zum Beispiel kostet etwa sieben Dollar. Damals waren das rund 5.000 Lira. Heute ist er wieder bei 7 Dollar, aber das sind 700.000 Lira!“

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Durch den Krieg in der Ukraine und globale Lieferketten sind die Preise für Benzin, Medizin und Lebensmittel in US-Dollar teilweise sogar höher als noch vor Beginn der Krise im Jahr 2019. Viele Menschen versuchen, auf kreativen Wegen an Geld zu kommen. Zu Beginn der Krise fehlten auf den Straßen auf einmal die Gullydeckel – Menschen klauten sie, um sie an Metallhändler zu verkaufen. Die Zahl der Taxifahrenden ist gestiegen. Das Militär hat aufgrund des niedrigen Gehalts nun Zweitjobs als Lieferanten auf Motorrädern oder Mechaniker angenommen. Ezzos Mann arbeitet freiberuflich als Videograph und nimmt Zahlungen in Kryptowährung an. Wiederum andere sind auf Überweisungen ihrer Verwandten im Ausland angewiesen.

Straßenszene in Beirut. Viele Menschen verlassen den Libanon, da sie sich hier keine Zukunft mehr vorstellen können.

Wo kann Friedensarbeit ansetzen?

Was macht es mit einem Land, mit einer Gesellschaft, wenn die Menschen tagtäglich mit dem Überleben beschäftigt sind? Und wo kann Friedensarbeit in dieser Dauerkrise ansetzen, um die Zivilgesellschaft zu stärken? „Eine der Hauptherausforderungen ist die Wirtschaftskrise und was sie mit den Menschen, mit denen wir arbeiten wollen, macht“, sagt Mike Thanner, Landesdirektor des forumZFD im Libanon. „Wir hatten während der Corona-Krise in manchen Fällen Probleme, unsere Workshops voll zu bekommen, weil die Leute genau abwägen mussten, ob sie Zeit investieren können, um Fähigkeiten wie Gewaltfreie Kommunikation zu lernen. Für manche ist es schwierig, sich angesichts der unsicheren Wirtschaftslage langfristig zu so einem Projekt zu verpflichten. Hinzu kommt, dass viele fähige Leute den Libanon verlassen, weil hier momentan für sie kein Leben denkbar ist. Das verringert die zivilgesellschaftlichen Ressourcen im Land. Wir merken zum Beispiel, dass es schwieriger geworden ist, Trainer*innen für unsere Workshops zu finden.

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Das forumZFD hilft Partnerorganisationen im Land bei ihren Vorhaben. „In gewissen Fällen haben wir in der Krise auch Sachen finanziert, für die wir vorher nicht angefragt wurden“, berichtet Thanner. „Zum Beispiel Treibstoff für Stromgeneratoren, damit man sich überhaupt treffen kann. Wenn wir einen Workshop halten möchten, brauchen wir auch Strom.“ Denn der Staat liefert kaum noch Strom, eine Alternative sind nur Solarpaneele oder Generatoren, die mit Diesel betrieben werden.

Wieso sollte jemand, der sich ums tägliche Auskommen sorgt, sich Wissen aneignen, das erst mal nicht in Geld umzusetzen ist? „Das ist die Kommunikationsleistung unserer Partnerorganisationen gegenüber den Teilnehmenden der Workshops: zu zeigen, dass das, was heute passiert, nicht isoliert von dem zu betrachten ist, was in der Vergangenheit, beispielsweise im Krieg oder auch danach, passiert ist.“ Der Ansatz des forumZFD sei hier, auf die Traumata zu schauen und die Stereotypen und Vorurteile zu verstehen, die heute noch eine Rolle spielen. „Wenn man es schafft, diese Verbindung herzustellen, dann sind die Leute da auch dabei“, so Thanner.

Zusammenhalt in der Krise stärken

Im Oktober 2019 gab es einen Ruck in der Gesellschaft. Hunderttausende gingen auf die Straßen, um gegen Misswirtschaft und Korruption zu protestieren. Sie zeigten sich vereint, mit libanesischen Flaggen statt Parteiflaggen. Doch die alteingesessenen Eliten schafften es, die Bewegung zu spalten, und die Pandemie raubte den Protesten den letzten Atem. Das Gemeinschaftsgefühl von der Straße wandelte sich in Frustration, Depression und Überlebenskampf.

Den sozialen Zusammenhalt zu stärken, ist in dieser Situation wichtiger denn je. Das forumZFD arbeitet seit 2008 unter anderem an der Vergangenheitsbewältigung. Zum Beispiel werden Lehrkräfte ausgebildet, um über die Geschichte des Bürgerkrieges zu sprechen. Auch auf anderen, kreativen Wegen versucht das forumZFD, die Aufarbeitung der Vergangenheit in die Breite der Gesellschaft zu tragen: Tourführerin Samira Ezzo zum Beispiel wurde vom forumZFD darin geschult, Gespräche über vergangene und gegenwärtige Gewalt im Libanon anzustoßen. Wenn sie Besucher*innen durch Beirut führt, erzählt sie auch, welche Ereignisse des Bürgerkrieges die Gesellschaft verändert haben.

„In der Innenstadt von Beirut hatten wir lebhafte Märkte, die Souks. Es war unter anderem ein Einkaufsviertel“, erzählt Ezzo. „Sie waren wie ein Schmelztiegel für Menschen aller Religionen, aller Ethnien und sogar verschiedener Nationalitäten. Aber als der Krieg begann, wurde als Erstes das Stadtzentrum von Beirut zerstört. Also mussten die Menschen, die ihre Geschäfte in der Innenstadt von Beirut hatten und die beschädigt und ruiniert wurden, Alternativen finden.“ Durch Erzählungen gerät die Vergangenheit –und ihre Wirkung auf die Gegenwart– nicht in Vergessenheit.

Der Libanon hat viele Schutzsuchende aus dem benachbarten Syrien aufgenommen. In der Krise nehmen die Aggressionen ihnen gegenüber zu.

Auch in anderen Arbeitsfeldern hat das forumZFD sich an die aktuellen Herausforderungen angepasst: So geht es in den Workshops zu Gewaltfreier Kommunikation verstärkt um Vorbehalte gegenüber Geflüchteten und die Frage, wie ein gutes Zusammenleben möglich ist. Denn die Dauerkrise verschärft die Konflikte, die sich an der Aufnahme von Millionen Geflüchteten entzünden. Politiker*innen machen Stimmung gegen die Schutzsuchenden, das Militär zerstört mutwillig Solaranlagen in Camps und syrische Geflüchtete werden ins unsichere Syrien deportiert. Glücklicherweise gibt es im Zuge dieser Zunahme von Hassverbrechen auch immer mehr Watchdogs und Meldeplattformen für die zunehmenden Fälle von Rassismus und Gewalt gegen Minderheiten, und das forumZFD Libanon setzt sich für die Unterstützung derartiger Initiativen ein. Für positiven Frieden sei es wichtig, dass Gemeinschaften Soft Skills kennenlernen, wie beispielsweise Ansätze zu gewaltfreier Konfliktprävention.

Außerdem wird die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg über Workshops an verschiedene Kontexte, wie beispielsweise palästinensische Geflüchtete, angepasst. Das forumZFD unterstützt eine Playback-Theatergruppe in der Traumatherapie und Tools der Konflikttransformation. Diese Tools können auch helfen, die Gemeinschaft zu mobilisieren, erklärt Mike Thanner. Die Projekte seien so vielfältig wie die Teamkolleg*innen. „Letztendlich geht es darum, den Menschen sichere Räume zu geben, in denen sie zusammenkommen und sich öffnen können. Wir ermutigen sie, über den Konflikt und die eigene Position darin zu sprechen, und wir unterstützen die Selbstwirksamkeit.“

Wir sehen im Libanon ein gewisses Potenzial an Samenkörnern des Wandels. Oftmals vergessen wir, dass es gemeinsame Erfahrungen, gemeinsame Kämpfe gibt. Wenn man also die Menschen dazu bringt, sich auf ihre Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, kann das ein Friedenspotenzial sein.

Ghinwa Mikdashi, Dozentin an der Libanesisch-Amerikanischen Universität und hilft dem forumZFD, Möglichkeiten der Friedensförderung im Libanon zu identifizieren

Gemeinsame Erfahrungen bieten Friedenspotenzial

Ghinwa Mikdashi ist Dozentin an der Libanesisch-Amerikanischen Universität und hilft dem forumZFD, Möglichkeiten der Friedensförderung im Libanon zu identifizieren. Sie arbeitet zurzeit an einem Strategiepapier, das die Leitlinie des forumZFD und die Grundlage der Arbeit für die nächsten Jahre bildet. „Wir haben mit einer Art Kartierung des Konflikts und des Kontextes angefangen, um zu sehen, wo das forumZFD intervenieren kann.“ Dafür hat Mikdashi mit Menschen aus der Wissenschaft, Medien, politischen Parteien und Bewegungen sowie staatlichen Institutionen gesprochen. „Wir sehen im Libanon ein gewisses Potenzial an Samenkörnern des Wandels. Oftmals vergessen wir, dass es gemeinsame Erfahrungen, gemeinsame Kämpfe gibt. Wenn man also die Menschen dazu bringt, sich auf ihre Gemeinsamkeiten zu konzentrieren, kann das ein Friedenspotenzial sein.“ Ein Beispiel sei die traurige Erfahrung der Explosion des Beiruter Hafens: Die Menschen hätten alle Unterschiede beiseitegelegt und sich zusammengeschlossen, um einander zu helfen.

Die Explosion in Beirut am 4. August 2020 im Hafen der libanesischen Hauptstadt traf die ganze Stadt katastrophal.

Auch die Massenproteste seien ein wichtiger Anknüpfungspunkt für Friedensarbeit. „Die Proteste 2019 haben gezeigt, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die sich gegen die herrschende Klasse und die Machthaber wenden und sagen: Wir wollen Veränderungen“, so Mikdashi. „Unabhängig von ihren Forderungen gab es dort etwas, das auch ein Raum oder ein Potenzial sein kann. Außerdem gingen daraus viele alternative Medien hervor – das war eine wichtige Veränderung, weil die meisten bestehenden Medien von einer der politischen Parteien gesteuert werden. Mit dem Boom der alternativen Medienplattformen ist ein neuer Raum der Meinungsfreiheit und Vielfalt entstanden.“ Diese Medien widersetzen sich auch dem Rassismus der traditionellen Medien, die palästinensische oder syrische Geflüchtete für die Misere verantwortlich und Stimmung gegen Queers machen.

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Friedensarbeit öffnet die Herzen und Köpfe der Menschen

Mike Thanner, forumZFD-Landesdirektor im Libanon.

Aus diesen Ansatzpunkten für die Friedensarbeit könne ein Austausch über mögliche Projekte oder Initiativen entstehen, ist Mikdashi überzeugt. Die Vision sei es, den Libanon als einen Ort zu sehen, an dem Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund gewaltfrei interagieren können. „Als Ort, der das Potenzial hat, zu einem dauerhaften Frieden zu gelangen.“ Heute versuchen die Menschen noch, irgendwie durch die Krise zu kommen. „Jeder kämpft ein bisschen für sich“, sagt Tourführerin Samira Ezzo. Sie hat beobachtet, dass die Krise nicht überall Menschen zusammengeschweißt hat. Die Massenproteste 2019 waren ein großes Anzeichen für ein partei- und konfessionen übergreifendes Wir-Gefühl.

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Doch an der Aufteilung der politischen Macht entlang konfessioneller Grenzen und auch an der damit verbundenen Spaltung der Gesellschaft hat das wenig geändert. Nach wie vor sind Vorbehalte und Feindseligkeiten zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen im Libanon sehr präsent und die Wunden des Bürgerkriegs längst nicht verheilt. Erfolgreiche Friedensarbeit kann Vorurteile reduzieren und erreichen, dass Menschen einen Sinn für Gemeinschaft entwickeln. „Das schafft man nur im kleinteiligen Format. Es ist sicher auch eine Herausforderung für den Zivilen Friedensdienst“, sagt Mike Thanner vom forumZFD. „Wir verstehen unsere Arbeit als ein Werkzeug, das die Herzen und Köpfe der Menschen öffnet und Verhaltensänderung anstößt. Das ist nur möglich, wenn man eine sehr enge Beziehung zu den Menschen vor Ort aufbaut.“

Julia Neumann arbeitet als freiberufliche Journalistin im Libanon.