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Philippinen: Indigene zwischen den Fronten

Eine neue Resolution diffamiert den Begriff „Lumad“

Die Regierung Rodrigo Dutertes geht weitere Schritte im Kampf gegen die eigene Zivilgesellschaft. Besonders Indigene werden zunehmend zur Zielscheibe staatlicher Diffamierung und Kriminalisierung. Mit einer neuen Resolution wird die indigene kollektive Selbstbezeichnung „Lumad“ mit den kommunistischen Rebellen in Verbindung gebracht. Für indigene Organisationen, die das Wort Lumad in ihrem Namen tragen, hat das Konsequenzen. Lena Muhs im Gespräch mit Timuay Jimid Mansayagan
Timuay Jimid Mansayagan speaks at forumZFD's Conversation on Mindanao Histories and Studies
© forumZFD

Timuay Jimid Mansayagan bei einer vom forumZFD organisierten Konferenz zu inklusiver Geschichtslehre in Mindanao.

Es ist Freitagmorgen, 10 Uhr. Ich warte darauf, dass das Gesicht von Timuay Jimid Mansayagan auf meinem Bildschirm erscheint. Ich warte schon seit mehreren Wochen auf dieses virtuelle Treffen, musste es immer wieder verschieben, weil Jimid meine E-Mails nicht beantwortet hat oder nicht zur vereinbarten Zeit erschienen ist. Daher bin ich sehr gespannt, ob ich dieses Mal wirklich mit ihm sprechen kann. Nach zehn Minuten Wartezeit erhalte ich die lang ersehnte Benachrichtigung: „Ein neuer Benutzer hat sich Ihrem Meeting angeschlossen.“ Leicht abgehackt höre ich zum ersten Mal seine Stimme. Er entschuldigt sich für all die Verzögerungen bei der Planung unseres Treffens – er hatte keine stabile Internetverbindung und musste ständig umziehen, um Überwachung und Schikanen zu entgehen.

Timuay Jimid Mansayagan ist Vorsitzender der Lumad Mindanaw Peoples Federation (LMPF), einer Organisation der indigenen Völker Mindanaos, im Süden der Philippinen. Seine Organisation geriet kürzlich ins Rampenlicht, als die philippinische Nationale Kommission für indigene Völker (NCIP) sie öffentlich als Unterstützer der aufständischen kommunistischen Neuen Volksarmee (New People's Army, NPA) bezeichnete. Da er und die LMPF Partner meiner Organisation, des Forums Ziviler Friedensdienst (forumZFD), sind, wollen wir besprechen, wie das forumZFD ihn unterstützen kann.

Jimid’s Schlussfolgerung ist eindeutig: „Wir als unabhängige Lumad-Organisation leben ‚between a rock and a hard place‘ (sinngemäß: zwischen zwei gleichermaßen unangenehmen Alternativen).“ Seit 50 Jahren schwelt ein Konflikt zwischen Regierungstruppen und der Guerilla der Neuen Volksarmee. In abgelegenen Gebieten ausgetragen, geraten indigene Gemeinschaften immer wieder zwischen die Fronten.

Erst kürzlich war dies wieder der Fall, als die philippinische Nationale Kommission für indigene Völker (NCIP) eine Resolution verabschiedete, in der die Verwendung des Wortes „Lumad“ als kommunistischer Begriff eingestuft wurde. Die Resolution kam für viele überraschend. Denn wörtlich übersetzt bedeutet „Lumad“ nichts weiter als „Indigener“. Der Begriff wird seit Jahren von Nichtregierungsorganisationen, Wissenschaft und Medien für die (nicht islamisierten) indigenen Völker von Mindanao verwendet. Selbst staatliche Einrichtungen wie das Nationalmuseum verwenden den Begriff „Lumad“. Die NCIP behauptet nun, der Begriff stamme von der Neuen Volksarmee. Alle, die den Begriff verwendeten, identifizierten sich mit ihnen.

Warum diese Resolution?

Die Resolution kommt zu einer Zeit, in der die philippinische Regierung umfassende repressive Maßnahmen gegen vermeintliche Oppositionelle oder gegen die Zivilgesellschaft vornimmt. Unter dem Deckmantel, kommunistische Guerillagruppen zu bekämpfen, schafft das sogenannte „Red-Tagging“ (die öffentliche Diffamierung einer Organisation oder Person als mit der Neuen Volksarmee verbunden) Fakten, mit denen alle politisch Aktiven „rot-markiert“ werden können. „Red-Tagging“ wird auch für Indigene zu einer ernsten Bedrohung, verhaftet oder sogar getötet zu werden. Die Resolution der NCIP ist nur ein weiterer Baustein in dieser Logik – für Jimid und seine Organisation häufen sich die Bedrohungen.

Der Konflikt zwischen der philippinischen Regierung und der Neuen Volksarmee

Der andauernde Aufstand der Neuen Volksarmee begann 1969 und ist der am längsten andauernde kommunistische Aufstand weltweit. Die Neue Volksarmee ist der bewaffnete Flügel der Kommunistischen Partei der Philippinen. Der langwierige Guerillakonflikt ist besonders intensiv auf Mindanao, wo dezentralisierte bewaffnete Gruppen die Regierungstruppen von Verstecken im Hinterland aus bekämpfen. Es wurden mehrere Versuche eines Friedensprozesses unternommen, von denen der letzte unter Präsident Duterte erst 2017 gescheitert ist. Seitdem kommt es wieder häufiger zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit stetig zunehmender Militärpräsenz in ländlichen Gebieten. 2018 kündigte die Regierung einen erneuten umfassenden Krieg gegen die Neue Volksarmee an.

Indigene sind seit Jahrzehnten von dem Konflikt zwischen der philippinischen Regierung und der Neuen Volksarmee betroffen. Stetig wird behauptet, die NPA bestehe zu einem großen Teil aus Indigenen. Das führt dazu, dass Indigene pauschal zur NPA gezählt werden. Da sich die NPA größtenteils in den abgelegenen Bergregionen Mindanaos versteckt – oft in denselben Gebieten, in denen Indigene leben – finden bewaffnete Zusammenstöße häufig unter Mitleidenschaft von indigenen Gemeinschaften statt.

In dieser ohnehin schon schwierigen Situation kämpfen Organisationen wie die LMPF darum, unabhängig und neutral zu bleiben. Sie verbünden sich weder mit den Regierungstruppen noch mit der Neuen Volksarmee und sind so Schikanen von beiden Seiten ausgesetzt. Jimid erzählt, dass 2015 einige Mitglieder seiner Organisation auf einer schwarzen Liste der NPA standen, weil sie angeblich mit dem Militär kollaborierten. Und dann wurde die Organisation erst kürzlich in der genannten NCIP-Resolution als angeblicher Komplize der NPA angegriffen. Für Jimid ist die Unabhängigkeit jedoch der einzige Weg: „Wir haben in diesem Leben keine andere Wahl [...], als das fortzusetzen, was unsere Vorfahren uns hinterlassen haben.“ Für ihn ist die indigene Selbstverwaltung der friedliche Weg der Lumad, ihre Selbstbestimmung zu behaupten und sich von jeder Form kolonialisierender Ideologie zu befreien – sei es der Nationalismus oder der Kommunismus.

Unter der Regierung Duterte wurden alle Regierungsstellen – einschließlich des NCIP – unter die sogenannte „Aufstandsbekämpfung“ subsumiert. Ausgerechnet die Behörde, die mit dem Schutz der indigenen Völker beauftragt ist, trägt nun zum „Red-Tagging“ bei. Der erst kürzlich ernannte NCIP-Vorsitzende ist zeitgleich Leiter der Taskforce (auf begrenzte Zeit gebildete Arbeitsgruppe mit umfassenden Entscheidungskompetenzen zur Lösung eines Problems; Anm. d. Red.) zur Beendigung des bewaffneten Konflikts mit der NPA. Diese „zwei Hüte“ des Vorsitzenden, wie Jimid es nennt, begraben den Glauben, die NCIP sei allein ein Instrument zum Schutz der Rechte indigener Völker.

Die NCIP-Resolution untergräbt die indigene Selbstbezeichnung

Nachdem die NCIP in der Resolution den Begriff „Lumad“ öffentlich kritisiert hatte, fordert sie auf, stattdessen die Eigennamen der indigenen Völker wie Manobo, Mamanwa oder Bukidnon zu verwenden[1]. Sie argumentiert, dass dies im Einklang mit ihrem Mandat stehe, die Anerkennung des Rechts auf Selbstbezeichnung zu fördern. Jimid erklärt, dass die NCIP vor der Verabschiedung einer Resolution wie dieser – insbesondere einer, die behauptet, für die Selbstbestimmung der indigenen Völker einzutreten – normalerweise Konsultationen mit den Organisationen der indigenen Völker durchführen würde. Das tat sie dieses Mal jedoch nicht.

Gruppenbild der Konferenz: Jimid Mansayagan sitzt in der ersten Reihe als zweiter von links.

Tatsächlich identifizieren sich nicht alle indigenen Gruppen als „Lumad“, sondern es ist ein Begriff, der von einigen indigenen Organisationen aktiv als kollektive, politische Identität verwendet wird, um die gemeinsamen Kämpfe und die Geschichte der indigenen Völker Mindanaos hervorzuheben. Es ist eine Identität, die für viele mit der Identität ihres spezifischen Volkes, ihrer Manobo-, Mamanwa- oder Bukidnon-Identität, koexistiert.

Indem die NCIP den Begriff „Lumad“ nun ausschließlich der Neuen Volksarmee zuschreibt, spielt sie die jahrzehntelange indigene politische Bewegung der Philippinen herunter, die als gemeinsame Selbstbezeichnung den Begriff „Lumad“ gewählt hat. Ironischerweise kommt hinzu, dass es die NCIP nur gibt, weil eben diese indigene Bewegung sie erkämpft hatte. Anstatt die Rechte der Indigenen zu schützen, führen diffamierende Aussagen wie die Resolution zu Spaltungen zwischen indigenen Gemeinschaften, verhindern den Dialog und erschweren nun erheblich die Arbeit von indigenen Organisationen.

Vor allem indigene Organisationen wie die LMPF haben oft nicht die Ressourcen, um die vielen Herausforderungen zu bewältigen, mit denen sie konfrontiert sind. Jimid berichtet, wie schwierig es für die LMPF ist, ihre Arbeit fortzusetzen: „Einige Mitglieder unseres ‚Governing Council‘ (dt. etwa: Verwaltungsrat oder oberster Rat) haben von dem Problem, mit dem wir konfrontiert sind, ein Trauma.“ Sich vor den Bedrohungen schützen, Gegenmaßnahmen ergreifen und das Trauma ihrer Mitglieder bewältigen: Alles das erfordert Ressourcen, die schon vor der Pandemie begrenzt waren. Jetzt gibt es Zeiten, in denen Jimid nicht weiß, wie es weitergehen soll. Dennoch betont er, dass er und seine Kollegen sich dem „friedlichen Dialog als primärem Weg zu nachhaltiger Gerechtigkeit, Heilung [und] Frieden“ verpflichtet fühlen.

Das ‚Monument of Peace and Unity‘ zelebriert das friedliche Zusammenleben von Indigenen, Muslimen und christlichen Siedlern in der Stadt Davao.

 „Lumad“ darf kein gebrandmarktes Wort sein

Obwohl es zunächst „nur“ um ein Wort geht, dürfen die Auswirkungen von Resolutionen wie dieser nicht unterschätzt werden. Es wird nicht nur ein neuer Präzedenzfall geschaffen, indem nun auch Worte oder Konzepte zusätzlich zu Menschen und Organisationen gebrandmarkt werden können, sondern auch die strukturelle Gewalt und die Bedrohung durch direkte Gewalt gegen indigene Völker wird verstärkt.

Jimid ist dankbar für unser Treffen. Laut ihm ist meine Organisation die Einzige, die sich entschlossen hat, eine öffentliche Erklärung zur Resolution abzugeben. Dabei war es für uns ein wochenlanges Hin und Her – können wir wirklich eine Erklärung zu einem so sensiblen Thema abgeben? Wird es Auswirkungen auf die Partnerorganisationen oder auch auf uns haben? Der Einschüchterungseffekt von „Red-Tagging“ ist groß, Selbstzensur weit verbreitet – auch bei uns. Nach wochenlangem Abwägen von Nutzen und Risiken beschließen wir schließlich, es zu tun, damit indigene Aktivist*innen wie Jimid Mansayagan ihr Recht auf Selbstbestimmung wahrnehmen und ihren Kampf für den Frieden in Mindanao fortsetzen können. Denn fest steht: Sie müssen die Bezeichnung „Lumad“ als kollektive politische Identität verwenden können, ohne dass direkt ein Risiko von Repressalien entsteht.

Lena Muhs arbeitet im Bereich angewandte Friedensforschung als Friedensfachkraft für das forumZFD in der Stadt Davao, Mindanao.

Timuay Jimid Mansayagan ist Vorsitzender der Lumad Mindanaw Peoples Federation (LMPF), einer Organisation der indigenen Völker in Mindanao.

Aus dem Englischen übersetzt von Regina Sonk.

 

[1] Dies sind nur drei Beispiele von mindestens 20 verschiedenen indigenen Völkern in Mindanao.

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