Krieg ist kein Werkzeug Gottes

Aus der Predigt von Dr. Margot Käßmann vor dem Atomwaffenlager in Büchel

Frau Doktor Margot Kässmann
Gewalt und Krieg können nicht mit Gottes Willen legitimiert werden, das haben die Kirchen nach Jahren der Legitimation von Gewalt endlich begriffen. Religion darf sich nicht missbrauchen lassen, um Öl in das Feuer ethnischer, religiöser, nationaler oder wirtschaftlicher Konflikte zu gießen. Es gibt keinen „gerechten“ Krieg, nur gerechten Frieden. Und zum Frieden zu rufen, ist Aufgabe der Kirchen. Das können wir weitergeben aus bitterer Erfahrung: Krieg kann nicht gerecht sein. Aber haben wir wirklich gelernt? Ingeborg Bachmann hat so treffend gesagt: „Die Geschichte lehrt dauernd, aber sie findet keine Schüler.“
 
Und ja, das stimmt, leider. Vor einigen Jahren war ich in Hiroshima zum Gedenktag des Atombombenabwurfs am 6. August 1945. Wer die Geschichten der Menschen hört, die miterlebt haben, wie andere geradezu verglühten, wer die Angst vor Missbildungen begreift, weil die genetischen Veränderungen bis heute reichen, kann nicht verstehen, dass irgendein Mensch auf die Idee kommen könnte, noch einmal eine Atomwaffe einzusetzen! Aber US-Präsident Donald Trump fragt: „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“ (...) Und NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg erklärt: „Diese nukleare Teilhabe ist wichtig für die NATO. Und ich dränge so viele Bündnispartner wie möglich, Teil dieser nuklearen Teilhabe zu sein – das schließt Deutschland ein.“
 
Angesichts solcher Aussagen von Menschen, die Verantwortung tragen, muss uns gruseln nach der grauenvollen Zerstörung in Hiroshima und Nagasaki. Da ist ganz klar Widerspruch angesagt! Mit der Kündigung des INF-Vertrages durch die USA ist die Welt unsicherer geworden. Und schöne Bilder von Donald Trump und Kim Jong Un wirken da wahrhaftig nicht beruhigend. (...)
 
Friedensforscher zeigen, dass die Atommächte in die Modernisierung ihrer Atomwaffen investieren.Zurzeit, so das Friedensforschungsinstitut Sipri, gibt es etwa 13.865 Atomwaffen auf der Welt. Zwanzig davon lagern höchstwahrscheinlich hier in Büchel. Es ist nicht besonders transparent, dass wir noch nicht einmal das genau wissen, selbst die Existenz dieses Depots wird offiziell nicht bestätigt. Dabei hat jede Atombombe des hier höchstwahrscheinlich lagernden Typs B-61 die drei- bis vierfache Sprengkraft der Hiroshima-Atombombe.
 
Wenn wir heute hier gegen diese Waffen demonstrieren, ist das keine Demonstration gegen die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr und ihre Angehörigen. Es ist eine Demonstration gegen die Politik, die ihnen zumutet, mit dieser immensen Gefahr zu leben, und sie nötigen könnte, diese Waffen einzusetzen. Denn das wäre absolut unverantwortlich. Niemand sollte gedrängt werden, eine solche entsetzliche Schuld auf sich zu laden. (...)
 
Ganz klar ist doch heute, dass zivile Mittel immer Vorrang haben müssen vor militärischen. Wer aber sieht,wie pazifistische Positionen infrage gestellt sind, ja lächerlich gemacht werden, wie militärische Einsätze mit humanitären Zielen begründet werden, dass Deutschland zu einer Rüstungsexportnation aufgestiegen ist, die auch in Krisengebiete liefert, dem wird bewusst: Es gilt, wach und wachsam und widerständig zu bleiben. Gerade die Rüstungsexporte machen doch den Widerspruch klar: Wir können nicht die Kriege dieser Welt beklagen, die Menschen, die aus diesen Kriegen zu uns flüchten abweisen – und gleichzeitig verdient unsere Wirtschaft an genau diesen Kriegen! (...)
 
Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens – das erbittet, ja erhofft Zacharias vor rund 2.000 Jahren. Und
ja, das erhoffen wir auch heute. Im Friedenspark von Hiroshima gibt es eine Flamme, die erst erlöschen soll,
wenn die letzte Atombombe vernichtet worden ist.
 
Ich bleibe bei der Hoffnung, dass
diese Flamme eines Tages erlischt!