Europas Geschichte neu erforschen

Treffen des Jean-Monnet-Netzwerks „Angewandte europäische Zeitgeschichte“

Am 19.10.2018 diskutierten Forscherinnen und Praktiker aus der Zivilgesellschaft in Sarajevo neue Ansätze zur Forschung und Vermittlung europäischer Geschichte. Der erste Runde Tisch des Jean-Monnet-Netzwerks Angewandte europäische Zeitgeschichte fand unter dem Titel „Applied European Contemporary History. A New Way to Study European History“ im Historischen Museum von Bosnien und Herzegowina statt.

Ziel des Runden Tisches war es, das bosnisch-herzegowinische Publikum über das Projekt zu informieren und mit Historikern, Kulturwissenschaftlerinnen, Kuratorinnen, Museumspädagogen, politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträgerinnen, Künstlern und vor allem mit der breiten Öffentlichkeit ins Gespräch zu kommen.

Am Runden Tisch nahmen Dr. Dennis Dierks von der Schiller-Universität in Jena und Dr. Chantal Kesteloot vom Forschungs- und Dokumentationszentrum CegeSoma in Brüssel, Frau Prof-in. Dr-a. Aleksandra Nikolic als Prorektorin für internationale Zusammenarbeit der Universität Sarajevo, Amra Custo, Historikerin im kantonalen Amt für Kultur- und Naturerbe, Elma Hasimbegovic, Direktorin des Historischen Museums und die mehrfach preisgekrönte Künstlerin Adela Jusic teil. Dr-a. Ljubinka Petrovic-Ziemer, Leiterin der Akademie für Konflikttransformation moderiete die Diskussion über die Bedeutung von Forschung und Bildung für den europäischen Integrationsprozess, die (neue) Rolle von Historikerinnen und Kunstschaffenden im Bereich der öffentlichen Geschichte und den Umgang mit Geschichtsrevision und Öffentlichkeit in tief gespaltenen Gesellschaften wie in Bosnien und Herzegowina. Während der Veranstaltung wurde die Zusammenarbeit der verschiedenen Akteure aus den benachbarten Ländern als besonderes Merkmal des Netzwerkes hervorgehoben, weil sie eine gemeinsame Geschichte von fruchtbarer Interaktion und agilem Kulturtransfer verbindet sowie belastende historische Erfahrung wie Krieg und Zerstörung, aber auch hegemoniale Machtausübung und Unterdrückung.

Jean-Monnet-Network
© Jean-Monnet-Network

Institutioneller Träger des aus Mitteln der EU geförderten Jean-Monnet-Netzwerks ist die Friedrich-Schiller- Universität in Jena. Das Netzwerk versammelt Vertreterinnen und Vertreter von Universitäten und Organisationen aus der Zivilgesellschaft in fünf europäischen Ländern: Belgien, Polen, Deutschland, Serbien und Bosnien-Herzegowina. Das forumZFD ist eine der Partnerorganisationen der Schiller-Universität und wird im Konsortium des Netzwerks durch Judith Brand, Programmleiterin Bosnien-Herzegowina und Dr-a. Ljubinka Petrovic-Ziemer, Leiterin der Akademie für Konflikttransformation vertreten.

Das Projekt leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, den europäischen Integrationsprozess zu unterstützen und voranzubringen, indem es die Grundlagen einer europäischen Geschichte und einer gemeinsamen europäischen Identität festigt. Ein weiteres Anliegen des Projektes ist es, den Dialog zwischen zivilgesellschaftlichen Akteuren, der akademischen Gemeinschaft und Entscheidungsträgerinnen und -trägern in Bildung, Forschung und Politik zu fördern.

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Dabei geht das Projekt von einem innovativen Verständnis von Geschichte aus, in dessen Zentrum sich der Ansatz der angewandten bzw. öffentlichen Geschichte (Public History) befindet. Public History geht davon aus, dass die Auseinandersetzung mit Geschichte nicht nur in Universitäten betrieben wird. In einer demokratischen Gesellschaft sind mündige und engagierte Bürgerinnen und Bürger wesentlich an der Produktion von geschichtlichem Wissen im öffentlichen Raum beteiligt.

Gleichzeitig ist es notwendig, die öffentliche Produktion von Wissen wissenschaftlich und kritisch zu begleiten, weil Wissen ohne wissenschaftliche und kritische Überprüfung einerseits die Differenz zwischen Bedeutungsrelevanz und Beliebigkeit aufhebt, andererseits zur Verzerrung oder gar Verfälschung historischer Tatsachen beiträgt. Gerade in Zeiten radikalisierender und polarisierender öffentlicher Diskurse, in denen stark emotionalisierte und menschenfeindliche Äußerungen zu offenen Gewalttaten antreiben, ist es wichtig, gegen Geschichtsrevisionismus, feindliche Stereotypisierungen und öffentliche Stigmatisierung von gesellschaftlichen Minderheiten informiert, überlegt und engagiert entgegenzutreten.

Unbestritten bleibt die identitäts- und gemeinschaftsstiftende Funktion von Geschichte. Ihr kann jedoch auch eine trennende Funktion für Gemeinschaften zugewiesen werden. Vor diesem Hintergrund soll europäische Geschichte im Verständnis des Jean-Monnet-Netzwerks zweierlei leisten: das Bewusstsein für historische Verantwortung schärfen sowie für Solidarität und Offenheit plädieren.

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Damit sollen humanistische Konzepte wie Respekt, Anerkennung, Anstand und Höflichkeit, in Aleida Assmanns (A. Assmann: Menschenrechte und Menschenpflichten. Schlüsselbegriffe für eine humane Gesellschaft, 2018) und Axel Honneths Sinn (A. Honneth: Anerkennung. Eine europäische Ideengeschichte, 2018) vor dem Hintergrund europäischer Gewalterfahrung und -anwendung und angesichts aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen weitergedacht werden.

Im nächsten Jahr plant das Jean-Monnet-Netzwerk eine Sommerschule an der Universität in Belgrad, mehrere Runde Tische, eine Fachkonferenz in Wroclaw, die Veröffentlichung eines Sammelbandes zu Gewalterfahrungen im Europa des 20. Jahrhunderts sowie ein universitäres Handbuch für angewandte europäische Zeitgeschichte.