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Eine Schule für alle

Wie Schülerinnen und Schüler im bosnischen Jajce erfolgreich gegen ihre Trennung protestierten

von Sarah Freeman-Woolpert, Autorin von www.wagingnonviolence.org
zahlreiche Schülerinnen und Schüler protestieren mit Spruchbändern
© forumZFD

Über ein Jahr lang wehrten sich die Schülerinnen und Schüler der Stadt Jajce gegen die ethnische Trennung an Schulen in ihrer Stadt. Die Regierung plante eine neue Schule ausschließlich für bosniakische Schülerinnen und Schüler. Ihr hartnäckiger Protest hatte Erfolg: Die Regierung stoppte schließlich die geplante Eröffnung der Schule. „Sie wollten uns trennen, damit wir glauben, wir wären nicht gleich. Aber wir sind schlauer als sie“, erklärte der 15-jährige Refik Heganović, als die Nachricht bekannt wurde.

Die neue Schule hätte das System der ethnischen Segregation von Jajces Grundschulen auf die Oberschulen ausgeweitet. Lokale Politikerinnen und Politiker der bosniakischen Mehrheitspartei der Demokratischen Aktion (SDA) riefen die Initiative im Jahr 2016 ins Leben. Sie warben für die neue Schule als Möglichkeit, bosniakischen Schülerinnen und Schülern einen eigenen nationalen Lehrplan zu garantieren.

Bislang orientierte sich der Unterricht an Jajces beiden Oberschulen am kroatischen Lehrplan. In Geografie oder Geschichte wurde die kroatische Sichtweise unterrichtet. Außerdem waren die Abschlusszeugnisse von einem umstrittenen kroatischen Nationalsymbol geziert. Viele empfanden das vorherrschende Schulsystem deswegen als diskriminierend für bosniakische Schülerinnen und Schüler.

Widerstand regte sich

Nachdem die Regierung ihren Plan für eine neue bosniakische Schule bekannt gegeben hatte, organisierten die Schülerinnen und Schüler Widerstand gegen das Vorhaben. Zunächst veranstaltete eine kleine Gruppe einen Protestmarsch durch das Stadtzentrum von Jajce. Dabei schwangen sie die Flaggen von Kroatien, Serbien und Bosnien und Herzegowina als Symbol der Einheit zwischen den drei größten ethnischen Gruppen der Stadt. Ihre Aktion erhielt große Aufmerksamkeit von einheimischen und ausländischen Medien. Repräsentantinnen und Repräsentanten der internationalen Gemeinschaft erklärten sich solidarisch mit den Protesten der Jugendlichen aus Jajce.

Der Druck auf die lokale Regierung wuchs, ihren Plan für die neue bosniakische Schule zurückzuziehen. Das Parlament des zentralbosnischen Kantons vertagte daraufhin im August die Entscheidung, die neue Schule schon zum nächsten Schuljahr einzurichten.

Es schien, als wäre der Protest erfolgreich gewesen. Doch die Schülerinnen und Schüler wussten es besser: Sie sagten voraus, dass es nur eine Frage der Zeit wäre, bis die Politikerinnen und Politiker den Plan wieder aufnehmen würden. Denn mit einer neuen ethnisch homogenen Schule könnten die nationalistischen Parteien gleich mehrere ihrer Interessen verfolgen, kritisierten die Jugendlichen: Sie könnten loyale Parteianhänger als Mitarbeitende einstellen, und sie könnten Kinder und Jugendliche nach ethnischer Zugehörigkeit trennen. Damit würden die Schülerinnen und Schüler anfälliger für nationalistische Manipulationen.

Zweiter Versuch mit unfairen Mitteln

Die Schülerinnen und Schüler sollten recht behalten. Im März 2017 gaben die Zuständigen des Kantons bekannt, zum folgenden Schuljahr die neue bosniakische Oberschule zu eröffnen. Sie hätten bereits begonnen, das Lehrpersonal einzustellen. Um ihr Vorgehen zu rechtfertigen, berief sich die Regierungspartei SDA auf eine Petition, die angeblich von 500 Eltern bosniakischer Schülerinnen und Schüler, die die Idee für eine getrennte Schule unterstützten, unterzeichnet worden sei.

Die Petition war jedoch nie öffentlich gemacht worden. „Ein Jahr nachdem der Ortsverein der bosniakischen Partei SDA die Petition zum Ministerium geschickt hat, wissen wir immer noch nicht, wer die Petition organisiert hat, wer sie unterschrieben hat und wer die Eltern vertreten hat“, sagt Samir Beharić, ein Schüleraktivist aus Jajce. „Das war eindeutig Betrug“, meint er.

Seiner Meinung nach wurde die Petition von den Politikerinnen und Politikern der SDA in der Hoffnung erdacht, dass niemand etwas bemerken oder sich beschweren würde. „Sie brauchten eine offizielle Grundlage, um eine neue, separate Schule zu fordern, aber weder der Elternbeirat noch die einzelnen Eltern haben jemals von der Petition gehört. Ich denke, die Petition wurde von erfundenen Eltern unterschrieben, vielleicht sogar von Toten. Die SDA und andere politische Parteien wissen, wie man Tote zum Wählen mobilisiert. Diese Petition ist nur ein Vorgeschmack auf die kommenden Wahlen.“

Die Schülerinnen und Schüler reagierten auf die Ankündigung, indem sie am 27. März den Unterricht verließen und vor ihren Schulen protestierten. Dieses Mal erhielten sie die Unterstützung zahlreicher Lehrerinnen und Lehrer, die sich an die Seite der Schülerinnen und Schüler stellten, obwohl sie damit ein Disziplinarverfahren in Kauf nahmen. Viele Schülerinnen und Schüler beteiligten sich sogar gegen den Willen ihrer Eltern an den Protesten. Manche wurden wegen ihres Engagements von Freunden ausgegrenzt, andere wurden deswegen sogar von der Freundin oder dem Freund verlassen.

„Trotzdem geht es gemeinsam“ heißt es auf dem Plakat bei der Demonstration vor dem Bildungsministerium in Travnik am 20. Juni 2017.

Aufruf „Gemeinsame Schule“ verbreitet sich

Zunächst trieb die Regierung ihre Pläne trotz der Proteste voran. Doch der Widerstand wuchs an. Schülerinnen und Schüler aus dem ganzen Land solidarisierten sich mit den Protesten in Jajce. Auf Twitter und Facebook verbreitete sich der Hashtag #škzjdn. Er steht für škola zajedno (gemeinsame Schule). In der Stadt Mostar veranstalteten Jugendliche ein Straßentheater zur Unterstützung der Schülerinnen und Schüler in Jajce. Zahlreiche Prominente, Komiker und bekannte Rapper bekundeten im Internet ihre Unterstützung für die Jugendlichen. Die Initiative Bolja Škola (Bessere Schule) übte vor Ort mit Veranstaltungen und mit einer Petition für einen neuen multiethnischen Lehrplan Druck auf die Regierung aus.

Es wurde Juni, und bald müssten sich die Eltern in Jajce entscheiden, ob sie ihre Kinder an der neuen bosniakischen Schule anmelden. Für viele Anhänger der Protestbewegung war zu diesem Zeitpunkt unklar, ob ihre Bemühungen etwas bewirkt hatten. Die Sommerferien standen bevor, und es würde schwierig, die Schülerinnen und Schüler in dieser Zeit für Protestaktionen zu mobilisieren.

Kurz vor dem Ende des Schuljahres planten sie eine letzte Aktion, bei der sie Schülerinnen und Schüler aus ganz Bosnien und Herzegowina mit in ihren Protest einbezogen. Unterstützung erhielten sie von der Gruppe Naša Škola (Unsere Schule), ein Netzwerk von zahlreichen Jugendorganisationen, das sich für die Abschaffung der Trennung an Schulen einsetzt. Die Demonstration sollte vor dem Bildungsministerium des Kantons in Travnik stattfinden, dessen Angestellte für die Einrich- tung der neuen Schule verantwortlich waren.

„Wir sind hier, um die Zukunft zu gestalten, und nicht, um die Vergangenheit zu wiederholen.“

Ein unerwarteter Erfolg

Zur Überraschung aller gab die Bildungsministerin des Kantons, Katica Čerkez, am 18. Juni bekannt, dass der Plan für die neue Schule aufgegeben wurde. Mehr noch: Sie kündigte an, dass bosniakische Schülerinnen und Schüler in Zukunft nach dem bosniakischen Lehrplan für Geschichte und Geografie unterrichtet werden können. Auch das nationalistische kroatische Symbol sollte dem Wunsch der Schülerinnen und Schüler entsprechend von den Zeugnissen entfernt werden. Statt des geplanten Protests fand in Travnik daraufhin eine riesige Erfolgsfeier statt. Schülerinnen und Schüler aus dem ganzen Land jubelten den Jugendlichen aus Jajce bei ihrer Ankunft zu.

Ein Jahr nach dem Erfolg der Schülerinnen und Schüler bleiben ihre Schulen in Jajce offen für alle. Einige Fächer wie Geschichte, Geografie und Religion werden nun getrennt unterrichtet. Die karierte Flagge, das nationale Symbol Kroatiens, das auf den Zeugnissen abgebildet war, wurde für bosnische Muslime entfernt und durch das Wappen von Bosnien und Herzegowina ersetzt.

Die Kampagne erhielt auch viel Unterstützung vonseiten internationaler Organisationen, allen voran durch den Hohen Repräsentanten in Bosnien und Herzegowina. Aktivist Marko Barišić bleibt dennoch kritisch: Man dürfe nicht vergessen, dass die internationale Gemeinschaft nach dem Ende des Bosnienkrieges eine Rolle dabei gespielt hat, dass nationalistische Politikerinnen und Politiker das System der „Zwei Schulen unter einem Dach“ etablieren konnten. „Wir, die Jüngsten in diesem Land, die am stärksten von diesen Entscheidungen betroffen sind, fordern die internationale Gemeinschaft auf, ihre Fehler der Vergangenheit wiedergutzumachen und endlich mit denjenigen zu kooperieren, die Bosnien und Herzegowina zu einem einladenden Ort für alle machen wollen!“, schrieb Barišić auf Facebook.

„Segregation ist eine schlechte Investition“, meinen diese Schüler.

Die Mission geht weiter

Ermutigt von dem Erfolg in Jajce sind inzwischen Schülerinnen und Schüler aus ganz Bosnien und Herzegowina entschlossen, die ethnische Trennung an Schulen in ihrem Land zu beenden. Sie erfahren, dass sie eine Veränderung des geteilten Bildungssystems erkämpfen können. Viele Aktivistinnen und Aktivisten meinen, dass dies erst der Anfang eines viel größeren Kampfes ist, die ethnische Segregation vollständig abzuschaffen.

„Unsere Mission ist noch nicht vorbei“, sagt auch Schüler-Aktivist Refik Heganović. „Wir müssen noch viel tun, aber wir sind einen Schritt näher am Ziel.“ Adna Sokolović, eine Schülersprecherin der Gruppe Naša Škola stimmt zu: Die Gruppe hoffe, nach dem Erfolg in Jajce nun auch in anderen Orten die Segregation an Schulen zu beenden.

Im Juli 2018 erhielten die Schülerinnen und Schüler aus Jajce die Nachricht von einer besonderen Anerkennung für ihr Engagement: Sie werden am 9. November in Den Haag mit dem Max-van-der-Stoel-Preis ausgezeichnet.

Sarah Freeman-Woolpert forschte zwei Jahre in Sarajevo über Jugendbewegungen auf dem Balkan. Sie lebt in Washington, D.C., und ist Ko-Herausgeberin des Journal of Resistance Studies. Der Artikel ist zuerst erschienen auf www.wagingnonviolence.org.

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