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Wie Medien unsere Wahrnehmung von Konflikten prägen

Gerade bei der Berichterstattung über bewaffnete Konflikte kommt Journalist*innen eine besondere Verantwortung zu. Doch die Kluft zwischen den Ansprüchen an guten Journalismus und der beruflichen Wirklichkeit ist oft groß. Ein möglicher Lösungsansatz: konfliktsensitive Berichterstattung.

Berichterstattung über bewaffnete Konflikte
© Fajrul Falah, Pixabay

Als griechisch-zyprische und türkisch- zyprische Journalist*innen im Sommer 2018 ein Glossar für verantwortungsvollen Sprachgebrauch in den Medien veröffentlichten, wurden sie wüst beschimpft. Die Broschüre sei ein Angriff auf die Pressefreiheit, schimpften Politiker*innen auf beiden Seiten der seit 1974 geteilten Insel. Den Autor*innen wurde Verrat vorgeworfen, einige erhielten Drohungen. Dabei wollten sie mit dem außergewöhnlichen Gemeinschaftsprojekt auf Wörter und Formulierungen aufmerksam machen, die im Norden und Süden der Insel Vorurteile gegen die Bevölkerung der jeweils anderen „Seite“ zementieren und Feindbilder schüren. Die Liste mit 56 Beispielen sollte andere Medienschaffende ermutigen, ausgewogener und fairer über den Konflikt zu berichten.

Doch auch aus einigen Redaktionen kam Protest: Schon vor der Veröffentlichung hatten 70 Medienschaffende einen Protestbrief gegen die Initiative unterschrieben. Für Christos Christofides, einen der Autor*innen der Broschüre und damals Generalsekretär der Journalist*innen-Gewerkschaft UCJ, kam die Aufregung nicht überraschend: „Wer die seit Jahrzehnten eingeschliffene Sprache der Medien über den Konflikt ändern möchte, muss viel Geduld haben“, sagt Christofides.

Alles, was wir über unsere Gesellschaft, ja über die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch die Massenmedien“, schrieb der Soziologe Niklas Luhmann 1995. Seitdem hat sich die internationale Medienlandschaft nicht zuletzt durch die Digitalisierung stark verändert. Weiterhin gilt jedoch: Medien prägen unseren Blick auf und unser Bild von der Welt. Damit tragen sie dazu bei, wie Konflikte wahrgenommen werden – und sie können Einfluss auf die öffentliche Meinung und auf den weiteren Verlauf nehmen. Von Medien hängt maßgeblich ab, von welchen Konflikten Menschen überhaupt erfahren und welche Aspekte, Protagonist*innen und Standpunkte sie für relevant halten. Im besten Fall – und dies gilt für Streitthemen in der Lokalpolitik ebenso wie für bewaffnete Konflikte – berichten Journalist*innen über die Standpunkte aller Beteiligten, recherchieren Ursachen und Lösungsoptionen. Sie stellen also Informationen zur Verfügung, die zu einer Bewältigung beitragen könnten. Medienschaffende können Konflikte aber auch dramatisieren und aufheizen, indem sie zum Beispiel einseitig berichten, einer Nachricht ihre eigene Meinung beimischen und reißerische Begriffe einsetzen.

Journalist Christos Christofides (r.) und seine Co-Autor*innen nehmen eine
Auszeichnung für ihr Glossar „Worte, die von Bedeutung sind“ entgegen. Für ihr
Projekt wurden sie aber auch von vielen Seiten angefeindet.

Einseitige Berichterstattung heizt Konflikte auf

In kriegerischen Konflikten spielen Medien eine wichtige Rolle“, sagt Professor Martin Löffelholz, der als Medienwissenschaftler an der Technischen Universität Ilmenau zu Kriegs- und Krisenkommunikation forscht. „Wenn über einen Konflikt intensiv berichtet wird, dann wird dieser vom Publikum auch als wichtig wahrgenommen. Das Interesse steigt, zumindest in der ersten Phase. Damit wächst dann auch die Information über den jeweiligen Konflikt.“

Heute haben Internetnutzende weltweit Zugriff auf ein stetig wachsendes Informationsangebot, während das Publikum fragmentiert wird und pauschale Aussagen über „die Medien“ immer schwieriger werden. Facebook, Twitter & Co. haben die Arbeit von Redaktionen verändert: Über soziale Netzwerke erhalten sie zum Beispiel Informationen und privates Bildmaterial aus Kriegsregionen, zu denen ausländische Journalist*innen keinen Zugang haben. Soziale Netzwerke ermöglichen es Politiker* innen und Militärs aber auch, Nutzer*innen direkt anzusprechen. Sie sind zudem ideale Verbreitungskanäle für Lügen, Propaganda und Hetze. Dass sie Einfluss auf bewaffnete und andere Konflikte haben, scheint offensichtlich. Aussagekräftige Forschungsergebnisse dazu stehen jedoch noch aus.

Länderübergreifend lässt sich Konfliktberichterstattung nur bedingt vergleichen. Kriegsjournalismus ist in Deutschland und großen Teilen des globalen Nordens Auslandsjournalismus. In Ländern wie Jemen oder Kolumbien stehen Medienschaffende vor völlig anderen Herausforderungen. Die kolumbianische Regierung hat 2016 ein Abkommen mit der größten Guerilla-Gruppe FARC geschlossen, doch mittlerweile ist der Friedensprozess ins Stocken geraten. Für Journalist*innen ist Kolumbien eines der gefährlichsten Länder Lateinamerikas: Im vergangenen Jahr gab es laut der Stiftung für Pressefreiheit FLIP 515 Angriffe auf Medienschaffende, darunter 137 Bedrohungen, vier Entführungen und zwei Morde. „In der kolumbianischen Medienlandschaft hat sich in den vergangenen Jahren aber auch einiges positiv entwickelt“, sagt Juan Diego Restrepo. „Neue alternative Medien wurden gegründet und es gibt mehr Diskussionen über journalistische Qualität.“ Restrepo gründete 2008 das Nachrichtenportal „Verdad Abierta“ (Offene Wahrheit), das über eine Stiftung finanziert wird und Analysen und Hintergründe vor allem zum Friedensprozess liefert.

Gängige Narrative hinterfragen

Unsere Leser*innen gehören zu einer Minderheit. Das kolumbianische Publikum ist Sensationsjournalismus gewöhnt, wie ihn die Mainstreammedien weiterhin anbieten.“ Restrepo ist überzeugt, dass Medien eine wichtige Rolle bei der gesellschaftlichen Aufarbeitung des Konflikts spielen können. Dazu müssten sie aber die Rolle des politischen und wirtschaftlichen Establishments hinterfragen und die Erlebnisse und Erwartungen jener Menschen erzählen, die unter der Gewalt des mehr als fünf Jahrzehnte währenden Konflikts am meisten gelitten haben. „Die Erfahrungen und Perspektiven vieler Kolumbianer*innen finden in den Massenmedien keinen Platz“, sagt Restrepo. „Die verbreiten weiterhin eine oberflächliche Version der Vergangenheit und berichten über Gewaltopfer höchstens als Einzelschicksale.“

Wie in Kolumbien tendiert auch im Kosovo der Medienmainstream dazu, sich am politischen Establishment zu orientieren. Im westlichen Balkan herrscht seit zwei Jahrzehnten offiziell Frieden. Doch albanische und serbische Kosovar*innen leben weiterhin nicht mit-, sondern nebeneinander. Immer wieder schüren die Regierungen Kosovos und Serbiens Misstrauen und Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen – mit nationalistischer Propaganda, die viele Medien ungefiltert weitergeben. „Bis auf wenige Ausnahmen berichten Journalist*innen einseitig“, konstatiert Serbeze Haxhiaj.

„Stimme des Friedens“: Auf den Philippinen informiert ein wöchentliches Radioprogramm die Menschen über den Friedensprozess in der muslimischen Autonomieregion Bangsamoro (siehe Infokasten am Ende des Artikels).

Die Redakteurin beim öffentlich-rechtlichen Rundfunksender RTK kritisiert, dass in den kosovo-albanischen Medien Serbien als der ewige Feind dargestellt werde. Ein kritischer und fairer Journalismus erfordere allerdings auch Mut: „Wer es anders macht, wird bedroht und als pro-serbisch beschimpft. Es ist zum Beispiel akzeptabel, wenn Journalist*innen zu Kriegsverbrechen recherchieren, die von Mitgliedern einer anderen Volksgemeinschaft verübt wurden. Berichten sie über Verbrechen von Mitgliedern der eigenen Ethnie, gelten sie als Verräter*innen.“ Kritischen Journalismus und Recherchen über Kriegsverbrechen bieten daher – ähnlich wie in Kolumbien – vor allem nicht-kommerzielle Onlinemedien, die von internationalen Organisationen unterstützt werden.

Insbesondere US-Militär rüstet medial auf

Ist ein Land an einem bewaffneten Konflikt beteiligt, stehen Medien besonders in der Verantwortung, faktengetreu zu berichten, Gründe für den Konflikt darzulegen und die Entwicklungen einzuordnen. Zugleich wächst die Herausforderung, nicht einer Schwarz-Weiß- Rhetorik zu folgen oder sich von den Kriegsparteien ausnutzen zu lassen. Hier sind zusätzliche Kompetenzen gefragt, denn unabhängiger Journalismus muss nicht zuletzt die PR-Strategien und medialen Inszenierungen von Politiker*innen und Militärs hinterfragen. Weltweit haben Streitkräfte – allen voran das US-Militär – in den vergangenen Jahrzehnten medial stark aufgerüstet und ihr „Kommunikationsmanagement“ professionalisiert. Es wird daher schwieriger für Journalist*innen, in Kriegszeiten die Botschaften von Regierungen und Streitkräften zu überprüfen – und zugleich immer wichtiger, dass sie dies tun.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass viele europäische Medien im Kosovokrieg die politischen Argumente für den NATO-Angriff unhinterfragt übernommen haben. Der Journalist Andreas Zumach geht noch weiter: Seiner Ansicht nach haben sich deutsche Medienschaffende im Vorfeld des NATO-Angriffs auf den Kosovo und des Irakkriegs 2003 aktiv am Aufbau von Feindbildern beteiligt. Er kritisiert den wachsenden Zeitdruck, unter dem Medienschaffende aus Kriegsregionen berichten müssen. Vielen deutschen Medienschaffenden mangele es bei sicherheitspolitischen und militärischen Themen zudem an professioneller Distanz: Sie seien „regierungs- und elitenfixiert“, sagte Zumach 2017 bei einem Vortrag an der Friedensakademie Rheinland-Pfalz.

Studierende lernen, konfliktsensitiv zu berichten

Um eine qualitativ hochwertige Konflikt- und Kriegsberichterstattung zu fördern, bieten einige Hoch- und Medienschulen im In- und Ausland Seminare über Konfliktsensitiven Journalismus (KSJ) an. Auf der philippinischen Insel Mindanao haben fünf kommunikationswissenschaft liche Studiengänge mit Unterstützung des forumZFD in diesem Jahr das Thema in ihre Lehrpläne aufgenommen; weitere sollen folgen. In Deutschland wird KSJ unter anderem am Institut für Journalistik der TU Dortmund gelehrt. Angelehnt an Kriterien des Friedens- und Konfliktforschers Johan Galtung für einen „Friedensjournalismus“ machen diese Seminare Wissens- und Reflexionsangebote für eine gute Konfliktberichterstattung. Die Teilnehmenden lernen beispielsweise, Konflikte zu analysieren und ihre eigenen Vor urteile zu reflektieren.

Zum KSJ-Konzept gehört ein verantwortungsvoller Sprachgebrauch, wie ihn auch Christos Christofides und seine Kolleg*innen auf Zypern angeregt haben. „Wir hatten bisher leider nicht die positive Wirkung, die wir uns erhofft hatten“, sagt Christofides. „Aber ich freue mich, dass wenigstens Lehrkräfte an einigen Hochschulen auf Zypern die Broschüre in der Journalist*innenausbildung einsetzen.“ Die aktuelle politische Situation habe sicher dazu beigetragen, dass Medien auf beiden Seiten der „grünen Linie“ nicht bereit seien, ihre Berichterstattung zu überdenken. „Seit zwei Jahren passiert hier nichts, es gibt keine Verhandlungen und kein Zeichen des guten Willens.“ Das stabilisiere nationalistische Kräfte und gebe Medien wenig Spielraum für Veränderungen. „Aber das Glossar ist jetzt in der Welt. Und wenn sich das politische Klima ändert und es wieder Annäherungen gibt, dann wird seine Zeit kommen.“

Sigrun Rottmann ist freie Journalistin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Journalistik der TU Dortmund, wo sie u. a. Konfliktsensitiven Journalismus lehrt. Sie hat 2019 an der Akademie für Konflikttransformation des forumZFD die berufsbegleitende Fortbildung zur Friedens- und Konfliktberaterin absolviert. Auf einer internationalen Konferenz des forumZFD auf den Philippinen hielt sie dieses Jahr einen Vortrag über KSJ in der Lehre.

Konfliktsensitiver Journalismus (KSJ)

Unter KSJ versteht das forumZFD eine Medienberichterstattung, bei der Journalist* innen ihre eigene Rolle kritisch reflektieren und gerade über Konflikte differenziert berichten. Mit verschiedenen Projekten stärkt das forumZFD KSJ in der Lehre und in der Medienpraxis. So zum Beispiel auf den Philippinen: Das forumZFD organisiert Schulungen für Lehrkräfte der Kommunikationswissenschaften und hat dafür ein eigenes KSJ-Handbuch entwickelt. Ein weiteres Projekt ist das Radioprogramm „Die Stimme des Friedens“: In der muslimischen Autonomieregion Bangsamoro im Südwesten der Philippinen, wo jahrzehntelang muslimische Rebellengruppen gegen die Zentralregierung kämpften, informiert die einstündige Sendung wöchentlich über den Friedensprozess und lässt viele Seiten zu Wort kommen. Die konfliktsensitive Berichterstattung wirkt deeskalierend und ermöglicht einen friedlichen Dialog.

2020 veranstaltete das forumZFD auf den Philippinen eine internationale Fachkonferenz zu KSJ. Einen Bericht dazu lesen Sie hier:

www.forumZFD.de/konflikte-sind-nicht-nur-zahlen

Die rund 300 Teilnehmenden der forumZFD-Fachkonferenz kamen aus
Südostasien, Europa und dem Nahen Osten.