Die Anfänge des Zivilen Friedensdienstes

Im Umbruch der Friedensbewegung entspringt die Idee eines Erfolgsmodells

Wir feiern in diesem Jahr 20 Jahre Ziviler Friedensdienst. Im November 1999 reisten die ersten Fachkräfte in das ehemalige Jugoslawien, nach Guatemala, Rumänien, Simbabwe und in die Palästinensischen Gebiete aus. So wichtig dieses Datum und Jubiläum ist, so müssen wir dennoch weiter in der Zeit zurückgehen, um die Wurzeln des ZFD aufzuspüren. Denn schon einige Jahre vorher begannen die ersten Gespräche, wurden Konzepte geschrieben und politische Überzeugungsarbeit geleistet.

Entsendung der ersten ZFD-Fachkräfte 1999
© forumZFD

Die ersten Ideen und Visionen

Die Geschichte des ZFD beginnt eigentlich in den frühen 90er-Jahren. Die anfängliche Euphorie nach dem Ende des Kalten Krieges musste bald einem ernüchterten Realismus weichen. Denn zwar waren die Gefahren des Ost-West-Konfliktes erst einmal gebannt, doch bald verpassten der aufkeimende Konflikt im damaligen Jugoslawien sowie der Krieg am Golf der Hoffnung auf eine Zivilisierung der Staatenwelt einen Dämpfer. Somit musste sich auch die deutsche Friedensbewegung neu orientieren.

„Wie geht es weiter mit der deutschen Außenpolitik und vor allem auch mit dem Militär beider deutscher Staaten? Allzu schnell schwand die Hoffnung auf eine entspannte Weltlage; regionale Konflikte und Kriege ließen Forderungen nach Out-of-area-Einsätzen auch der Bundeswehr laut werden. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) gab eigene Friedenshoffnungen nicht so schnell auf und dachte über einen neuen politischen Ansatz unter zivilgesellschaftlicher Mitwirkung nach“, schreibt Helga Tempel dazu in der neuen Broschüre über die Anfänge des Zivilen Friedensdienstes. In diesem Zuge brachte der Berliner Politikwissenschaftler Theodor Ebert 1992 seine Vision eines Zivilen Friedensdienstes in die Diskussionen ein. Er war zu dieser Zeit sowohl Mitglied der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg (EKiBB) und der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sowie erster Vorsitzender des Bundes für Soziale Verteidigung (BSV).

Aus Eberts Anstoß entstand eine lebendige Debatte in der Evangelischen Kirche und unter Friedensgruppen, die ab 1994 vor allem in einem zunächst informellen „Gesprächskreis Forum Ziviler Friedensdienst“ geführt wurde. Noch im selben Jahr veröffentlichte der Bund für Soziale Verteidigung das erste Konzept „Ziviler Friedensdienst – ohne Waffen – aber nicht wehrlos“.

„Im Gegensatz zu der öffentlichen Debatte über die Notwendigkeit von Militärinterventionen als Scheinalternative zum Nichtstun zeigte der BSV in Zusammenarbeit mit anderen Friedensorganisationen die Möglichkeit der nichtmilitärischen Krisen- und Kriegsintervention auf. Aus diesen Erfahrungen leitet sich das Konzept des Zivilen Friedensdienstes des BSV ab. Es stellt eine konstruktive Alternative zu Militäreinsätzen dar.“
Aus dem Vorwort des ersten Konzeptes „Ziviler Friedensdienst – ohne Waffen – aber nicht wehrlos“ 1994.

In besagtem Konzept spiegelten sich schon damals die Grundzüge des Zivilen Friedensdienstes, wie er heute existiert, wider. Dennoch gab es auch einige Vorstellungen, die aus heutiger Sicht utopisch erscheinen. So schlug das Konzept eine Finanzierung des ZFD aus dem Verteidigungsetat vor. Am Ende der Aufbauphase sollten dem Zivilen Friedensdienst jährlich 25 Mrd. Euro zukommen – eine Zahl, von der wir auch 25 Jahre später nur träumen können.

Die Idee lernt laufen

1995 begann das Forum Ziviler Friedensdienst eine intensive politische Werbung für dieses Konzept. Broschüren wurden erstellt, Veranstaltungen organisiert und regelmäßig Gespräche mit wichtigen Vertreterinnen und Vertretern der Kirchen und Bundestagsfraktionen geführt. Anfang 1996 wurde aus dem informellen Gesprächskreis der eingetragene Verein „Forum Ziviler Friedensdienst e. V.“, kurz forumZFD, mit institutioneller wie individueller Mitgliedschaft.

Die Berliner Erklärung für einen Zivilen Friedensdienst von 1997 war ebenfalls ein wichtiger Meilenstein: Sie wurde von mehr als 200 wichtigen Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft, Kirchen und Gesellschaft unterschrieben. Einen wichtigen Unterstützer fanden die Gründer des forumZFD in dieser Zeit in dem ehemaligen Bremer Oberbürgermeister Hans Koschnick. Er hatte gerade seine Friedensmission als EU-Administrator der bosnisch-herzegowinischen Stadt Mostar recht frustriert beendet und warb für einen friedensstiftenden Ansatz „von unten her“.

„Die Zeit ist reif, sich in neuen Formen der nationalen und internationalen Verantwortung für Frieden und Völkerverständigung zu stellen.“ – Berliner Erklärung für einen Zivilen Friedensdienst 1997. Im selben Jahr wurde der frisch gegründete Verein forumZFD überraschend mit dem „Gustav- Heinemann-Bürgerpreis“ ausgezeichnet. Der Laudator Prof. Dr. Manfred Wichelhaus verwies in seiner Rede auf den besonderen Stellenwert sowie die politische Verortung eines ZFD: Die Gesellschaft reagiere „empfindlich auf Rinderwahn, doch nicht auf Rüstungswahn und Waffenexporte“. Gustav Heinemann zitierte er mit dem Satz: „Der Frieden ist der Ernstfall, in dem wir alle uns zu bewähren haben.“ Das Forum Ziviler Friedensdienst habe demnach eine überzeugende Form solcher Bewährung gefunden.

Ein weiterer großer Erfolg im Jahr 1997: Der ZFD erhielt erstmalig öffentliche Fördergelder. Maßgeblich unterstützt vom Ministerpräsidenten Johannes Rau, bewilligte das Land Nordrhein-Westfalen Mittel für eine Modell-Ausbildung zur Friedensfachkraft in gemeinsamer Trägerschaft des forumZFD sowie der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF). Die damals gefundene Form der viermonatigen Kompaktkurse wird seitdem weiterentwickelt und bis heute zweimal jährlich durchgeführt – inzwischen überwiegend mit Bundesmitteln des Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung und in alleiniger Trägerschaft des forumZFD.

Die Geburtsstunde des ZFD

Anerkennung des forumZFD
© forumZFD

Die Anerkennung des forumZFD als offizieller Entsendedienst durch die damalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (Bildmitte) war ein klares politisches Signal: Der Zivile Friedensdienst ist ein etabliertes Programm der deutschen Friedens- und Entwicklungspolitik.

Der entscheidende Schritt von der Vision zur Wirklichkeit kam mit dem Regierungswechsel von 1998. Die Konzepte und institutionellen Ansätze standen bereit, hinzu kamen die politische Entscheidung der Koalitionsparteien sowie das persönliche Engagement der neuen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek- Zeul. Bereits ein Jahr später reisten die ersten Friedensfachkräfte in ihre Projektgebiete nach Guatemala, Rumänien, Simbabwe und in die Palästinensischen Gebiete aus. Aus diesem Grund wird 1999 als das Geburtsjahr des Zivilen Friedensdienstes angesehen. Und der ZFD wurde innerhalb kürzester Zeit zum Erfolgsmodell. Bereits ein Jahr später waren bereits mehr als 60 Fachkräfte im Einsatz.

So positiv die rasche Umsetzung war, so unvermeidlich brachte sie auch Probleme mit sich. Anfangs diktierten bisweilen zufällige Kenntnisse und Kontakte die Auswahl der Projektplätze, auf Kosten des sich herausbildenden Profils des ZFD. Manche Entwicklungsdienste hatten anfangs Mühe, das konzeptionell Neue am ZFD zu erkennen, waren doch „Frieden“ und „Konflikt“ schon immer zentrale Themen in ihrer Projektarbeit gewesen.

Ein entscheidender Schritt der Verständigung zwischen den Trägern des Zivilen Friedensdienstes war die Verabschiedung von „Standards für den Zivilen Friedensdienst“ im März 2005. Eine gemeinsame, auch mit dem BMZ abgesprochene Grundlage bei der Entwicklung von Projekten (Konsortium ZFD, 2005). In dieser wird der ZFD so definiert:

„Ziel des ZFD ist, Form und Dynamik einer Konfliktaustragung mit gewaltfreien Mitteln dahin zu beeinflussen, dass Gewalt vermieden oder beendet oder zumindest gemindert wird („working on conflict“). Dies gilt für alle drei Phasen eines Konfliktes: vor Ausbruch von Gewalt, während Gewalthandlungen als auch nach deren Beendigung für die Konfliktnachsorge.

Der ZFD unterscheidet sich dadurch von der allgemeinen konfliktsensiblen Entwicklungszusammenarbeit, die einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von strukturellen Ursachen der Gewaltkonflikte leistet („working in conflict“). Der ZFD arbeitet grundsätzlich mit lokalen Partnerorganisationen in Projekten zusammen, um zivilgesellschaftliche Friedenspotentiale zu identifizieren und die lokalen Kräfte für eine gewaltfreie Regelung von Konflikten zu stärken. Dabei wird auch eine Einflussnahme auf Gewaltakteure angestrebt.“

 

Heute ist der Zivile Friedensdienst erfolgreicher denn je.

Weltkarte ZFD 2018
© ZFD

Seit 1999 wurden rund 1.400 ZFD-Fachkräfte in knapp 60 Ländern tätig. Derzeit sind 300 Fachkräfte für den Zivilen Friedensdienst in 42 Ländern im Einsatz.

Im Jahr 2018 waren rund 300 Fachkräfte im Einsatz: allein etwa 120 in Afrika, je knapp 60 in Lateinamerika und in Asien, rund 40 im Nahen Osten und etwa 20 in Südosteuropa. Durchgeführt wird diese Arbeit neben dem forumZFD von acht weiteren Organisationen, die sich im Konsortium Ziviler Friedensdienst zusammengeschlossen haben.

Haben sich damit die Visionen der Anfangsjahre des ZFD erfüllt? Dieser Frage geht Heinz Wagner nach: „Kann der ZFD so ausgebaut werden, dass in Konfliktregionen militärische Einsätze überflüssig werden? Und wie viel Hoffnung auf eine Wende von der Sicherheits- zur Friedenslogik darf man auf den ZFD projizieren? (…) Rüstungsproduktion, Rüstungsexport und steigende Ausgaben für militärische Sicherheitspolitik sind gegenwärtig wieder im Expansionsmodus. Kann der ZFD eine Rolle spielen im Widerstand gegen den weiteren Ausbau einer Rüstungspolitik, die vor allem einer militärischen Sicherheitslogik verpflichtet ist? Kann er beitragen zu einem finanziellen Engagement von Staat und Gesellschaft, das die bisherige geringe Wertigkeit der Friedensarbeit und der Zivilen Konfliktbearbeitung überwindet?“

Ja, wir blicken 2019 auf 20 Jahre erfolgreiche Arbeit für Frieden und gewaltfreie Konfliktbearbeitung zurück. Und dennoch bleibt viel zu tun.