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25 Jahre danach: Kann es nach der „Operation Oluja“ eine Annäherung geben?

„Es gibt Hoffnung, dass es besser wird"

Wie gehen Sie damit um, wenn Sie sowohl positive als auch negative Gefühle für etwas haben? Ist es möglich, dass ein Ereignis gleichzeitig Sieg und Niederlage ist, sowohl legitim als auch strafbar?
25 Years Later: Can “Operation Storm” Come to Mean Reconciliation?
© YIHR

Wie ist die Beziehung zwischen Ethnizität und Emotionen, wenn wir an die Operation Oluja denken? Wenn ich Kroat*in bin, muss ich dann auf den Sieg der kroatischen Armee ausschließlich stolz sein? Und wenn ich Serb*in bin, darf ich sie nur als ethnische Säuberung und als nichts anderes betrachten? Indem sie sich eng an der ethnischen Zugehörigkeit orientiert, schreibt unsere Gesellschaft einrichtiges" Verständnis der Operation vor.

Die „Operation Oluja“ (kroatisch „Sturm“) war eine militärische Großoffensive der kroatischen Armee im August 1995. Die Gefechte hielten drei Tage an und endeten mit dem militärischen Sieg Kroatiens über die serbischen paramilitärischen Truppen. Zahlreiche Kriegsverbrechen an der serbischen Bevölkerung zwangen ca. 200.000 Menschen zur Flucht. In Kroatien wird in Gedenken an die Operation am 5. August der „Tag des Sieges und der heimatlichen Dankbarkeit“ als nationaler Feiertag begangen.

Es ist nicht meine Absicht, die Beziehung zu den Ereignissen des Jahres 1995 psychologisch zu bewerten. Jedoch kann kein Zweifel daran bestehen, dass Emotionen, die durch ethno-nationalistische Mythen erzeugt und mit deren Hilfe manipuliert wurden, einen erheblichen Einfluss auf die verschiedenen Interpretationen der Geschehnisse ausüben.

Es wäre kein so großes Problem, wenn das Endergebnis dieser Emotionen nur eine passive Trennung wäre, aber ihre Folgen sind weitaus größer, denn sie erzeugen Hass, in unserem Fall interethnischen Hass. Dieser Hass wiederum basiert auf voreingenommenen Interpretationen der Ereignisse, die nicht von desinteressierten Einzelpersonen, sondern von politischen Eliten hervorgerufen werden, die den Hass für ihr eigenes Überleben brauchen.

Wandel der öffentlichen Wahrnehmung

Da wir uns dem 25. Jahrestag der Operation Oluja nähern, haben sich jedoch einige marginale Perspektiven herauskristallisiert, die in der breiteren kroatischen Öffentlichkeit zu hören sind und bisher auf Einzelpersonen und zivilgesellschaftliche Organisationen beschränkt waren.

Werte wie Toleranz, Verständnis und Respekt, der Fokus auf Gemeinsamkeiten statt auf Unterschiede, das Gedenken an alle Opfer der Gewalt und eine Kultur des offenen Dialogs weisen auf eine neue Perspektive beim diesjährigen “Tag des Sieges und der heimatlichen Dankbarkeit“ hin.

Vor kurzem konnten wir einen historischen Moment erleben. Die Parlamentsvertreterin Anja Šimpraga trat auf die Bühne und erzählte ihre persönliche Geschichte als Flüchtlingsmädchen. Sie rief die ganze Nation auf, eine Gesellschaft der Freiheit zu schaffen. Sie zeigte, dass sich die Serb*innen mehr als bewusst sind, dass viele Kroat*innen von Beginn des Krieges an das gleiche Leiden und die gleiche Furcht erlitten haben.

Diese Rede markierte den Beginn eines neuen Kapitels in der kroatischen Geschichte und die Verwirklichung eines langfristigen Ziels vieler Nichtregierungsorganisationen. Wir müssen uns auf die Opfer konzentrieren, um ihnen eine Plattform zu geben, ihre eigenen Geschichten zu erzählen, denn niemand kann ausdrucksstärker darstellen, was sie durchgemacht haben.

Trotz der Schrecken der Vergangenheit fügte Šimpraga am 31. Juli Folgendes hinzu: „Es ist an der Zeit, weiterzumachen und zu akzeptieren, dass wir nicht mehr im Krieg leben.“

Vom Gedanken zur Tat

Bei der diesjährigen offiziellen Gedenkfeier wird General Ante Gotovina, der während der Operation Oluja Kommandant der kroatischen Armee war, auftreten. Wenn er seine früheren Reden über den Blick in die Zukunft mit einer ehrlichen und offenen Rede über die Vergangenheit fortsetzt, dann wäre das ein Wendepunkt in der Interpretation der Ereignisse von 1995.

Obwohl das Amt des kroatischen Premierministers von derselben Person wie im vergangenen Jahr wahrgenommen wird, könnte der Ansatz der Regierung zum Gedenken an den Jahrestag der Operation Oluja auch ein neues Kapitel in der Geschichte unseres Gedenkens eröffnen. Regierungsbeamte werden in diesem Jahr Knin besuchen, um den  „Tag der heimatlichen Dankbarkeit“, denTag der kroatischen Verteidiger und den 25. Jahrestag der Operation Oluja zu feiern. Jedoch wird der stellvertretende Ministerpräsident Medved auch an einer Gedenkveranstaltung für ermordete serbische Zivilist*innen, die während der Operation Oluja im Dorf Grubori getötet wurden, teilnehmen.

Die Teilnahme des stellvertretenden Premierministers verdeutlicht den Denkwandel der Regierung, 25 Jahre nach den Morden erstmals politische Verantwortung zu übernehmen. Langfristig kann sich dies als wichtiger Präzedenzfall erweisen.

Ein politisch komplexerer Schritt ist die Entscheidung des Hauptvertreters der kroatischen Serben, des stellvertretenden Ministerpräsidenten Boris Milošević, am 5. August nach Knin zu kommen, wenn man bedenkt, dass dieses Ereignis in den vergangenen Jahren meist als Demonstration nationalistischer Ausgrenzung benutzt wurde. Da wir jedoch eine historische Chance erleben, auf einen Weg mit breiteren, geteilten Perspektiven zu den Kriegen der 1990er Jahre zu gehen, möchte ich nicht zu vorsichtig sein und die Notwendigkeit eines solchen Besuchs bezweifeln. Ich hoffe, dass es ihm durch seine Anwesenheit zumindest teilweise gelingen wird, das zu erreichen, was dieser Besuch bewirken soll eine Atmosphäre der Versöhnung und des Dialogs aufzubauen, in der wir als Gesellschaft alle Opfer, unabhängig von ihrer Nationalität, akzeptieren und anerkennen müssen.

Die Erwartungen an den diesjährigen Jahrestag und die Feier zum „Tag des Sieges und der heimatlichen Dankbarkeit“ sind hoch. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Art und Weise, wie die Gedenkfeier gehalten wird, ändert. Ob sie aufhört, die begangenen Verbrechen zu ignorieren, wie es in der Vergangenheit oft der Fall war. Aber auch, ob diese Gedenkfeier ein positives Beispiel für andere schafft, wie die Gedenkfeiern zu den Operationen Flash und Medak Pocket. Wir werden sehen, ob es gelingt, in deren Fußstapfen zu treten und die zivilen Opfer während und nach der Operation offiziell anzuerkennen.

Ich möchte mit einem Zitat eines Teilnehmers an einem der Programme für Jugendliche aus ex-jugoslawischen Ländern schließen. Sie wurden von der Jugendinitiative für Menschenrechte organisiert um den Dialog über die Ereignisse der neunziger Jahre zu ermöglichen, das ererbte Trauma zu überwinden und die neuen Generationen zu motivieren, sich am Aufbau einer Gesellschaft zu beteiligen, die kritisch denkt, anstatt die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen:

„Es gibt Hoffnung, dass es besser wird"

Branka Vierda, Master of Law, arbeitet seit 2017 für die Jugendinitiative für Menschenrechte, mit dem Schwerpunkt der Versöhnung von Kroat*innen und Serb*innen. Neben ihrem Interesse an der Übergangsjustiz arbeitet und bildet sie sich seit über zehn Jahren im Bereich der Menschenrechte aus. Sie lebt und arbeitet in Zagreb.

Dieser Blogbeitrag wurde für eine regionale Plattform zum Thema Dealing with the Past geschrieben. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die RubrikColumnder DwP-Website (englisch).

 

 

 

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